Selbstwert & Beziehung

Teil 1 – Verlustangst

Geringer Selbstwert – Warum das deiner Beziehung schadet und was du dagegen tun kannst

Wenn wir an Menschen mit viel Selbstwert oder auch Selbstbewusstsein denken, dann meinen die meisten damit folgende Charaktereingenschaften:

  • furchtlos und mutig
  • lässt sich nichts gefallen, von niemandem
  • steht für sich ein, immer und überall
  • hat immer das letzte Wort
  • kommt überall durch
  • kann alles, braucht niemanden
  • ist von sich überzeugt und sagt das auch laut
  • stellt seine Bedürfnisse immer in den Vordergrund
  • steht und kämpft sich gerne in den Mittelpunkt

Diese Liste könnten wir alle wunderbar ergänzen. Wir alle kennen so jemanden. Lass mich mit einem der grössten Märchen unserer Gesellschaft aufräumen:

Die am lautesten schreien und sich brüsten, sind meist auch die, deren Selbstwert nicht grösser als drei Zentimeter mit Hut ist.

Wer einen gesunden Selbstwert hat und sich seiner selbst bewusst ist (Selbstbewusstsein), der ist eher unaufgeregt, freundlich, wohlwollend, mit sich zufrieden, empathisch, hat seinen Platz im Leben gefunden, ist mit sich selbst und anderen fürsorglich, offen und interessiert. Ausserdem realistisch und wenig übertrieben.

Mit Teil 1 startet heute die Blog-Reihe Selbstwert in Beziehungen. Wie macht sich ein geringes Selbstwertgefühl in Beziehungen bemerkbar? Wieso kann es schädlich sein? Für wen? Und was kannst du dagegen tun?

Teil 1 – Die Verlustangst

Was für ein grosses Wort! Verlustangst – schaurig mit einem Hauch von Verzweiflung.

HERR P. SUCHT MICH AUF, DA SEINE FRAU EINE BEZIEHUNG MIT EINEM ANDEREN MANN HATTE.

„Ich habe doch immer alles für meine Frau gemacht, ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Ihr jeden Weg geebnet. Ich wollte immer, dass es ihr gut geht. Habe sie beschützt und vor Dummheiten bewahrt. Ich verstehe es nicht. Was hab ich nur falsch gemacht? Sie ist doch die Liebe meines Lebens. Ich will sie nicht verlieren!“

Geringes Selbstwertgefühl und Verlustangst gehören zusammen wie die Butter aufs Brot!

In einer Studie wurden 15000 Frauen und Männer danach gefragt, was ihren Selbstwert stärken kann. An erster Stelle standen Äusserlichkeiten, wie zum Beispiel

  • erfolgreich im Job
  • äussere Erscheinung
  • Finanzen
  • Anerkennung
  • Beliebtheit
  • Verhalten des Partners/der Partnerin

⚠️ ACHTUNG: Wenn du dich von äusseren Dingen abhängig machst, um dein Selbstwertgefühl zu stärken, bist du nur einseitig gestützt und tatsächlich verloren! Denn: Was, wenn du diese äusseren Bestätigungen verlierst? Bist du dann weniger wert?

Wie stärkst du deinen Selbstwert?

Du brauchst einerseits Quellen für deinen Selbstwert aus deinem Inneren, aus dir selbst. Das bemerken deiner Talente, die Selbstfürsorge und Selbstliebe. Die Selbstachtung. Und andererseits auch Quellen von aussen, von deinem Partner, Freunden, KollegInnen, etc.

Lassen wir eine Quelle für gesunden Selbstwert weg, machen wir uns entweder abhängig – wie z.B. von der Anerkennung unseres Partners, oder den KollegInnen – oder wir werden unnahbar und egozentrisch, so als ob uns Anerkennung von aussen egal wäre.

Wir Menschen sind soziale Wesen und wir möchten in sicheren und verlässlichen Beziehungen leben. Danach streben wir. Dafür tun wir viel. Dafür verzichten wir auch auf unsere eigenen Bedürfnisse.

Und das tun sowohl diejenigen, die sich keinesfalls fest binden wollen, als auch diejenigen, die sich mit Haut und Haar binden wollen. Beide haben grosse Verlustängste, nur jeweils andere Strategien, damit umzugehen.

Die einen wollen sich nicht binden, um nicht verletzt zu werden und fürchten, sich aufgeben zu müssen. Die anderen wollen sich unbedingt binden, damit sie den Schmerz des alleine Seins nicht ertragen müssen und sich sicher fühlen.

Geringer Selbstwert – woher kommt die Verlustangst?

Unsere ersten Beziehungserfahrungen machen wir in der Regel mit unseren Eltern. Als Kind sind wir fast ausschliesslich abhängig von der Möglichkeit, unseren Wert durch andere zu spüren, oder auch zu erfahren.

Wenn wir also beim Finden und Erhalten unseres Selbstwertgefühls von Eltern abhängig sind, denen es Mühe macht, uns wertschätzend und freundlich, offen und interessiert zu begegnen, dann wird unser berechtigtes Bedürfnis nach Sicherheit und Verlässlichkeit nicht erfüllt werden. Unser Selbstwert wird nicht so gestärkt, wie wir es bräuchten.

Die Verlustangst des Herrn P.

Herr P., dessen Frau ihn betrogen hatte, hatte von klein auf gelernt, dass seine Bedürfnisse nicht wichtig sind. Seine Mutter starb früh. Sein Vater konnte ihm nach dem Tod der Mutter nicht mehr in die Augen sehen. Er wurde von seiner Stiefmutter schon im Kindergartenalter zur stundenlangen Hausarbeit angetrieben. Als seine Halbgeschwister auf die Welt kamen, sollte er sich auch um diese kümmern. Herr P. hat durch seine frühen Beziehungen Folgendes gelernt:

 

  • andere sind wichtiger als ich
  • ich muss alles geben
  • ich darf nichts verlangen
  • ich kann für immer verlassen werden
  • auch wenn jemand da ist, bin ich allein
  • ich muss die anderen beschützen
  • ich muss für die anderen sorgen
  • ich darf mich nicht beklagen
  • ich bin nicht sicher
  • ich bin auf mich gestellt
  • ich muss durchhalten

Kontrolle und Gefahr für die Beziehung

Was anfangs für Frau P. schön war – umsorgt und geliebt zu werden – wurde mit der Zeit zu einer Last. Zu einem goldenen Käfig, aus dem sie sich befreien wollte. Mit dem Betrug hatte sie sowohl ihren Mann schwer verletzt als auch sich selbst, als ihr bewusst wurde, was sie getan hatte.

In dieser Ehe wurde Fürsorge zur Kontrolle. Schutz wurde zu Verboten. Liebe zu einem Käfig. Ein Mann, der alles geben wollte, weil er es so gelernt hatte und kein realistisches Maß kannte. Eine Frau, die erst genoss und dann zu ihren Bedürfnissen nach mehr Freiraum nicht stehen konnte, weil sie ihre eigenen Grenzen nicht kannte. Beide hatten für den anderen auf eigene Wünsche verzichtet. Beide haben nicht bekommen, was sie eigentlich erreichen wollten: eine glückliche Beziehung.

Eine Chance auf Heilung

In intensiven und sehr emotionalen Sitzungen über ein halbes Jahr haben Herr und Frau P. ihre destruktiven Beziehungsmuster erkannt. Sie haben er- und verarbeitet, was sie in ihrer Kindheit erlebt hatten und wieso es ihnen nicht möglich war, von Anfang an eine gesunde Beziehung zu führen, obwohl sie sich so sehr liebten.

Und: Sie haben einander und jeweils auch sich selbst verziehen. Ein berührender Prozess zu einer wirklich gesunden und wertvollen Beziehung. 🌟 Jedes Jahr schicken mir die beiden eine Weihnachtskarte, die mich immer wieder sehr berührt.

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